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schapp-kw8-11Von Zeit zu Zeit präsentieren wir Ihnen besondere antike Möbel in ihrem kunsthistorischen Kontext. Dieses Mal möchten wir Ihnen einen seltenen Hamburger Schapp vorstellen. Sie finden dieses außergewöhnliche, authentische Sammlerstück auch mit vielen Detailbildern in unserem Online-Katalog.

Der Hamburger Schapp ist ein großer zweitüriger Hallen- bzw. Dielenschrank, der gelegentlich auch als auch Hamburger Schrank bezeichnet wird. Die frühesten Beispiele des Schapps (ab 1650) weisen noch vier schmalere Türen und eine kleingliedrige Innenraumgestaltung auf. Ab 1680 jedoch wird der Schapp zweitürig, was die Fassade visuell beruhigt und eine großzügigere Innengestaltung ermöglicht.
Typisch für den Hamburger Schapp ist die Verwendung von edlem Nussbaumfurnier, welches einen Korpus  aus  Massivem Eichenholz verkleidet. Die Bauform des Hamburger Schapps entstammt dem Barock: Er ist monumental, plastisch und reichhaltig ornamentiert; die teils figürlichen Schnitzereien besitzen religiösen (als Beispiel: die vier Evangelisten) oder allegorischen (als Beispiel: die vier Tugenden) Inhalt. Weitere Kennzeichen sind ein weit ausladendes und reich profiliertes Gesims und die zwischen geschnitzten Pilastern befindlichen Türen, die oft ovale Füllungen aufweisen. Unter jeder der beiden Schranktüren befindet sich eine Schublade . Der Hamburger Schapp ruht auf abgeflachten Kugelfüßen oder Birnfüßen. Die Dimensionen und der reichhaltige Ornamentschmuck lassen den Schapp zum Parade- und Meisterstück eines jeden Kunsttischlers werden, an dem sich die prächtigste Schreinerkunst im norddeutschen Raum finden lässt.

schapp-023-01Im Mittelalter und für große Teile der Renaissance war die Truhe das wichtigste Aufbewahrungsmöbel für Bekleidungsstücke und Haustextilien wie z.B. Tisch- oder Bettdecken. Zwar existierten im sakralen Bereich bereits seit der Spätgotik durchgängige Schrankkästen, in denen wertvolle liturgische Gewänder hängend untergebracht wurden, doch setzte sich diese Form erst gegen Ende der Renaissance auch allgemein durch. Die frühesten Schrankformen waren daher auch von der Truhe inspiriert und horizontal gegliedert.
Der Wandel der Mode erlaubte es ab ca. 1650 nicht mehr, empfindliche Stoffe liegend und gefaltet zu lagern, da diese sehr bald faltig und unansehnlich wurden. Dies erforderte die Umgestaltung des Schranks zu einem Möbel, welches vertikal gegliedert ist und oftmals Türen aufweist, die fast über die volle Höhe der Möbelfassade reichen, um auch Festgewänder hängend lagern zu können.   
Gegen Ende des 17. bzw. zum Beginn des 18. Jahrhunderts wurden die Plastizität und das Ornament des Möbels stärker betont. Wie auch an diesem Hamburger Schapp lassen sich durchgehende Füllungsfelder, mehrfache Profilierungen, Bossen und kunstvolle Beschläge nun vermehrt finden. Der zu dieser Zeit stattfindende Aufstieg des Bürgertums bedingt Veränderungen der Architektur der Bürgerhäuser, in denen nun die Größe der Räume, Flure und Hallen zu einem Kriterium für Wohlstand und Status werden. Der große Hallen- bzw. Dielenschrank wird zu einem der wichtigsten Möbel im bürgerlichen Haus.  

schapp-023-02Der Wechsel kunsthistorischer Epochen vollzieht sich lokal und zu unterschiedlichen Zeiten. So sind in der Möbelproduktion für die Stilformen des Barock im deutschsprachigen Gebiet auch unterschiedliche Daten festzustellen. Zu den Zentren mit der frühesten Blüte barocker Stilformen zählten die Hansestädte: In Hamburg, aber auch in Lübeck, Wismar und Danzig, kam es durch den intensiven Seehandel und die hervorragende Vernetzung mit den europäischen Nachbarländern früh zu einem Austausch von Stilformen. Der norddeutsche und nordostdeutsche Raum standen hierbei besonders unter dem Einfluss Englands und der Niederlande, wobei sich der französische Barock gewissermaßen in „niederländischer Interpretation“ nach Deutschland ausbreitete. Obwohl der letzte sogenannte Hansetag, also ein Treffen der wichtigsten Vertreter der Hansestädte, bereits 1669 in Lübeck stattfand, bestanden die Handelsbeziehungen der Städte untereinander auch nach dem Niedergang der Hanse fort. Diese Beziehungen ermöglichten auch unter den ab dem späten 17. bzw. frühen 18. Jahrhundert entstehenden, neuen politischen Vorzeichen (Erstarken der Fürsten- bzw. Königshäuser) den regen und erfolgreichen Warenaustausch.

In Städten wie Hamburg kam es seit der zweiten Hälfte des 17. schapp-gesimsJahrhunderts zu einer Blüte des barocken Möbelschaffens, wobei zu bedenken ist, wie erheblich die Unterschiede zwischen Stadt und Land waren: Lassen sich in Hamburg – und in diesem Hamburger Schapp – kunsthandwerklich herausragende Techniken und ein umfassendes Verständnis der Kunsttischler für Material und Ornamentik ablesen, so bleiben die Möbel des unmittelbar angrenzenden ländlichen Raums oft schlicht und zeigen kaum oder keine Einflüsse. Der Unterschied zwischen dem Mobiliar eines südholsteinischen Bauernhauses und diesem Hamburger Schapp könnte deutlicher kaum sein. Die einzige Ausnahme hiervon stellen die wohlhabenden Dithmarscher Bauern dar, in deren großen Häusern oftmals ein kunstvoller Schapp zu finden ist.
Gemeinsame Kennzeichen von Schapps aus den Hansestädten Hamburg, Lübeck und Danzig sind, trotz der nicht unerheblichen Distanz zwischen diesen Orten, die solide Verarbeitung und mächtige Proportionen. Das häufig alltagssprachlich mit dem Barock verbundene Filigrane ist hier im Ornament zu finden, nicht jedoch in der Grundform. Das Rankwerk und die Puttos, die diesen Schapp zieren, sind typisch für die norddeutsche Vorliebe zum Bildhauerischen. Die Gestaltung und Füllung der Flächen erfolgt hier über eine Kassettierung und Profilierung, die oft so deutlich ausgeführt ist, dass sie zu stark erhabenen Fassadenelementen führt. Der barocke Gedanke, dass in einem Möbelstück sowohl das Möbel an sich als auch Licht und Schatten eine Rolle spielen, kommt hiermit deutlich zum Ausdruck.schapp-kapitell

Ein herausragendes Merkmal dieses Hamburger Schapps ist die Verwendung von Marketerien: Es ist sehr auffällig, dass die norddeutsche Möbelkunst der Zeit um 1700 sich den Intarsien oder den Marketerien geradezu verweigert. Während zur selben Zeit in Süddeutschland kaum ein größeres Behältnismöbel ohne Marketerien zu finden ist, stellt die Tatsache, dass dieser Schapp in den ovalen Schanzenfüllungen der Türen je eine Sternmaketerie aufweist, eine echte Rarität dar. Sowohl im Vergleich mit anderen Hamburger Schapps oder Schapps aus Lübeck, Wismar und Danzig wird hier der besondere Anspruch des Kunsttischlers und seines Auftraggebers an dieses Möbel deutlich.
Die grundsätzliche Aufteilung des Schapps ist in allen norddeutschen und nordostdeutschen Zentren der Möbelproduktion identisch. Mehr noch: Die jeweiligen Kunsttischlerzünfte legten in Musterbüchern die Materialien, die Fassadenaufteilung, die Ornamente und die gesamten Proportionen des Schapps fest. Variationen gab es höchstens in Details, welche oft auf Wunsch der Auftraggeber individuell gestaltet wurden. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass ein schriftlicher Nachweis der Bezeichnung Hamburger Schapp für diesen Möbeltyp erst in einem Musterbuch von 1707 zu finden ist, obwohl die Bauform knapp 30 Jahre älter ist.

Tschapp-023-04rotz dieser reglementierten Produktionsvorgaben gibt es regionale Unterschiede, die jedoch einen genauen Blick auf das jeweilige Gesims erfordern: Der Hamburger Schapp hat grundsätzlich einen geraden Gesimskranz. Dieser Hamburger Schapp trägt zudem eine  große Schnitzwerk-Kartusche; bei einfacheren Hamburger Schapps ist diese Kartusche oft kleiner und weniger plastisch ausgearbeitet. Dass dieser Hamburger Schapp von höchster musealer Qualität ist, beweist beispielsweise ein vergleichbares Objekt in der Sammlung des Kunstgewerbemuseums Berlin oder ein ebenfalls ähnliches Objekt in der hervorragenden Möbelsammlung des Städtischen Museums Flensburg.
Der Lübecker Schapp zeigt einen geschweiften Gesimskranz. Ein besonders beeindruckendes Beispiel ist der sogenannte Gammendorfer Schapp von 1717, der sich in der Sammlung des Landesmuseums Schleswig-Holstein befindet.
Der Danziger Schapp besitzt einen trapezförmigen Gesimskranz. Eine Schnitzwerk-Kartusche ist hier ebenfalls regelmäßig zu finden. Als eine Besonderheit des Danziger Schapps kann gelten, dass hier häufiger Intarsien zu finden sind als bei Schapps aus Hamburg oder Lübeck. Die Bauform von Schapps aus Wismar lehnt sich stark an die Danziger an.

Der hervorragende Erhaltungszustand und herausragende Details lassen diesen Hamburger Schapp zu einem Objekt von Seltenheitswert und höchster musealer Qualität werden.schapp-023-01

Weiterführende Literatur:

  • Albrecht, Thorsten: Schrank - Butze - Bett: vom Mittelalter bis in 20. Jahrhundert am Beispiel der Lüneburger Heide. Petersberg: Imhof, 2001.
  • Behling, Lottlisa: Der Danziger Dielenschrank und seine holländischen Vorläufer. Danzig, 1942. (= Veröffentlichungen des Stadtmuseums und Gaumuseums für Kunsthandwerk zu Danzig).
  • Dobler, Uwe:    Barockmöbel: Bürgerliche Möbel aus zwei Jahrhunderten. Augsburg, Battenberg, 1992.
  • Ehret, Gisela: Deutsche Möbel des 18. Jahrhunderts. Barock-Rokoko-Klassizismus. München: Keyser, 1986.
  • Himmelheber, Georg und Kreisel, Heinrich: Die Kunst des deutschen Möbels: Möbel und Vertäfelungen des deutschen Sprachraums von den Anfängen bis zum Jugendstil. Band 1: Von den Anfängen bis zum Hochbarock. München: Beck, 1968.
  • Hinz, Sigrid: Innenraum und Möbel: von der Antike bis zur Gegenwart. Wilhelmshaven: Noetzel, 1989.
  • Klatt, Erich: Die Konstruktion alter Möbel. Stuttgart: Hoffmann, 1961.
  • Mehl, Heinrich: Das Gemmendorfer Schapp. Zur Geschichte eines Barockschrankes, in: Jahrbuch des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums, Band VII, Neumünster: Wachholtz, 2001.
  • Müller-Christensen, Sigrid: Alte Möbel. Vom Mittelalter bis zum Jugendstil. München: F. Bruckmann, 1948.
  • Redlefsen, Ellen: Möbel in Schleswig-Holstein: Katalog der Möbelsammlung des Städtischen Museums Flensburg. Heide: Westholsteinische Verl.-Anst. Boyens, 1983.
  • Sauerlandt, Max: Norddeutsche Barockmöbel. Elberfeld: Schöpp, 1922.
  • Schlichting, Frank: Traditionelle Möbel des Alten Landes: Vom Ende des 17. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts; Werkstätten, Überlieferung, Funktion. Husum: Husum Dr.- und Verl.-Ges., 2012.
  • Schmidt, Anja: In neuem Glanz. Rundgang durch das Cuxhavener Schloß Ritzebüttel, in: Heimat und Kultur zwischen Elbe und Weser, Jg. 17, 1998, Nr. 2.
  • Schmidt, Robert: Möbel. Ein Handbuch für Sammler und Liebhaber. Braunschweig: Klinkhardt & Biermann, 1965 [= Neunte, erweiterte Auflage. Erste Auflage: Berlin: Richard Carl Schmidt, 1913].
  • Schürmann, Thomas:     Erbstücke: Zeugnisse ländlicher Wohnkultur im Elbe-Weser-Gebiet. Stade: Verl. des Landschaftsverbandes der Ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden, 2002.
  • Schwarze, Wolfgang: Antike Deutsche Möbel. Bürgerliche und rustikale Möbel in Deutschland 1700 bis 1840. Wuppertal: Dr. Wolfgang Schwarze Verl., 1975.

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