Einen sehr großen und sicher den bedeutendsten Anteil an den Behältnismöbeln der Firma Antik Hense nehmen die Empire und Biedermeier Sekretäre ein. Diese dienten zum einen als Aufbewahrungsort für die unterschiedlichsten Utensilien, waren aber hauptsächlich in ihrer Funktion als Schreibsekretäre konstruiert, mit einer beweglichen Schreibplatte versehen, hinter der sich die verschiedensten Einbauten verbargen.
Als Holz für diese Möbel wurden hauptsächlich Mahagoni sowie die einheimischen Obsthölzer Kirsche, Birke und Birne verwendet. Aus den Möbelformen leiten sich dann auch die verschiedenen Bezeichnungen ab, mit denen der Korpus benannt wird: Aufsatz-, Tabernakel-, Zylinder-, Pyramidensekretär bis hin zur Form einer Lyra, einem antiken Saiteninstrument.
Vorläufer dieser Schreibsekretäre waren die höfischen Renaissance- und barocken Schreibschränke sowie die Kabinett- und Kunstschränke mit ihren äußerst repräsentativen Fassaden und ihrer Vielfalt der inneren kostbaren Ausstattung.
Sekretäre im sogenannten Louis-Seize Stil lehnen sich an den französischen Formenschatz und Vorbilder an, welche mit der Thronbesteigung Louis des XVI. 1774 auch eine Benennung erfahren. Wesentlich ruhigere und zurückhaltendere Formen gegenüber dem verspielten Rokokostil ist für diese Periode bestimmend.
Die mit der Bezeichnung Regency bezeichneten Sekretäre nehmen die Formen aus der Zeit des späten klassizistischen Stils des 19.Jahrhunderts in England auf, einer Zeitspanne von etwa 1790 bis 1840.
Als die Kunstepoche des Empire wird die Zeit nach dem Machtantritt und der Kaiserkrönung Napoleons im Jahre 1804 bezeichnet, in der die Kunst vornehmlich auf das römisch-antike Erbe zurück griff. Napoleon, als Held der Revolution und Kaiser, fühlte sich den römischen Cesaren verbunden und so fand diese Gesinnung auch in der Kunst ihren Ausdruck. Alles Antike, ob ägyptischer oder römischer Herkunft, fand sich als Schmuck auf den Möbeln, als Wanddekoration und ebenso in Stil der Haartracht und Kleidung wieder. Dieser Stil verbreitete sich von Frankreich aus über ganz Europa und fand sein Ende erst mit dem Sturz Napoleons, als diese Kunstform auch ihre Daseinsberechtigung verloren hatte. Eine klassizistische Architekturfassade ist für fast alle diese Möbel kennzeichnend: Säulen, Architrave sowie antikisierende Gesimse.
Oft sind die Sekretäre des Empire mit einer Vielzahl von Applikationen aus Messing oder vergoldeter Bronze versehen, welche gleichfalls die antiken Formen aufnehmen: Messingfüße in Gestalt von Löwentatzen, Beschläge mit figürlichen Darstellungen, wie antike Gottheiten, Sphinxe oder Wagenlenker. Ebenso weisen die Schlüsselschilder oder Griffbeschläge ein antikes Formengut auf, wie die Blattgirlanden oder Rosetten, zugleich auch die gewundenen Kränze. Klassische Säulenformen aus Ebenholz oder Elfenbein mit vergoldeten Kapitellen oder Architektur tragende weibliche Figuren (Karyathiden) oder Fabeltiere sind ebenso vorhanden, wie die vielfache Anbringung von einer silhouettenhaften schwarzen Malerei im figürlichen oder ornamentalen Bereich. Ohne einen großen Aufwand an Intarsien, welche oft durch die Vielzahl der verwendeten Holzsorten sehr unruhig wirken, bilden diese Malereien eine sehr eindrucksvolle Dekoration.
Im Gegensatz zu den Empire Sekretären weisen die Biedermeier Sekretäre bei der gleichen Form des Korpus und der verwendeten Holzarten, jedoch ein wesentlich bescheideneres und zurückhaltenderes Erscheinungsbild auf.
Meist zeigen die Aufsätze der Schränke eine antike Tempelfassade, wobei die aufwendigen Bronzemontierungen nicht mehr in der Fülle vorhanden sind. Hauptaugenmerk wird auf die schlichte Erscheinung gelegt, wobei die vornehme Wirkung häufig durch das zum Furnieren verwendete Holz und dessen Maserung erreicht wird. Klare Gesamtformen und ein tektonisches Gerüst der Konstruktion stehen im Vordergrund und sind bestimmend für den dekorativen Aufbau der Schreibsekretäre des Biedermeier. Es ist der Ausdruck einer bürgerlichen Wohnkultur, in der die auch noch heute gültigen Forderungen nach Zweckmäßigkeit, materialgerechter Verarbeitung und schönen Formen verwirklicht sind.
Text:
Dr. Bernd Bünsche, Diplomgemälderestaurator


