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Jules CayetteJules Cayette zählt zu den renommiertesten und talentiertesten Künstlern des Jugendstil und des Art Déco. Auch als artiste caméléon bezeichnet, schuf Cayette Glaskunst, Bronzen, Keramikarbeiten, Gusseisen, Möbel und wirkte als Architekt und Innenausstatter.

Geboren wurde der aus einer einfachen lothringischen Familie stammende Édouard Élie Jules Cayette am 27. Mai 1882 in Paris. Von 1896 bis 1899 studierte er an der renommierten École nationale supérieure d’art de Nancy, einer der besten Kunsthochschulen Frankreichs. Dort kam er mit dem noch jungen Jugendstil in Kontakt. Die Stadt Nancy sollte in diesen Jahren zur führenden europäischen Metropole des Jugendstils (frz.: art nouveau) werden. Er unterbrach sein Studium kurz für eine Lehre bei einem Bildhauer, schrieb sich jedoch bald wieder an der Hochschule ein und beendete seine Ausbildung 1902 in der Meisterklasse des weltberühmten Malers und Bildhauers Victor Prouvé (1858-1943). Zu Cayettes anderen Lehrern zählt der Architekt und Kunsttischler Eugène Vallin (1856-1922).

Im Jahr 1904 gründete Cayette zusammen mit einem ehemaligen Kommilitonen, dem Glaskünstler Jacques Grüber (1870-1936), ein kleines Atelier in Nancy, welches sich in unmittelbarer Nähe zu dem Atelier von Eugène Vallin befand. Er perfektionierte seine künstlerische Handschrift und schuf zunächst mehrheitlich Keramiken und Glaskunst.

Durch einen Mäzen gefördert, gelang es ihm ab 1912 regelmäßig an Ausstellungen der Société Lorraine des Amis des Arts teilzunehmen. Er wurde schnell überregional bekannt und erarbeitete sich durch konsequent hohe Qualität und dem künstlerischen Anspruch seiner Werke einen hervorragenden Ruf. Cayette zog innerhalb von Nancy mehrfach um und vergrößerte dabei sowohl sein Atelier (nun gelegen in der zentrumsnahen Rue des Jardiniers) wie auch das Spektrum der von ihm erschaffenen Werke: Neu hinzu kamen Möbel, Bronzen und Eisenguss.

treppengelaender klDie Goldenen 1920er Jahre, das ère du jazz, wurde zur produktivsten und vielfältigsten Periode in Cayettes Leben: Seine Manufaktur beschäftigte ein Dutzend Mitarbeiter und hatte bestens gefüllte Auftragsbücher. Cayette selber war in alle Schritte des Produktionsprozesses eingebunden und als Architekt und Innenausstatter überall in Nancy und Umgebung sehr gefragt.

Viele Objekte von Cayette befinden sich bei heute in Nancy in situ, so z.B. an dem Sitz der Zeitung L’Est Republicain (5 Avenue Foch, Skulpturen der Außenfassade, Handläufe der Treppe), an der Villa des Goethe-Instituts (39 Rue de la Ravinelle, schmiedeeisernes Geländer), an dem Sitz der Bank BNP-Paribas (9 Rue Chanzy, Skulpturen der Außenfassade) und an der Villa Les Pins (2 Rue Albin Haller, Eingangsportal) um nur eine sehr kleine Auswahl zu nennen. Auch in der Umgebung von Nancy finden sich viele seiner Werke.

Die hohe Qualität ließ die katholische Kirche auf ihn aufmerksam werden, so dass Cayette ab den 1920ern auch Möbel und Kunstwerke zu Kirchenausstattungen beitrug, die sich unter anderem in Beaumont, Bouxières-aux-Chênes, Herbéviller und vielen anderen Gemeinden des Umlands von Nancy befinden.

wandlampe klIn diese Zeit fielen ebenfalls zwei erfolgreiche künstlerische Kooperationen: Zum einen mit Almeric Walter (1870-1959), einem Glaskünstler, der viele Entwürfe von Cayette ausführte; zum anderen mit den berühmten Gebrüdern Daum (Jean Daum [1864-1931] und Paul Daum [1888-1944]), die eine Glasmanufaktur führten und zu Weltruhm gekommen sind.

Es zählt zu den Besonderheiten von Cayettes Schaffen, dass gerade die Vielfalt der Materialien und Stile sein Kennzeichen sind. Versiert in allen nennenswerten Techniken des Kunsthandwerks gelang es ihm, Werke wie „aus einer Hand“ zu erschaffen: Er entwarf sowohl die (hölzernen) Möbel als auch die (metallenen) Beschläge und hatte in seiner Manufaktur Werkzeuge, Personal und Know-how, alles selbst zu produzieren – die Verwendung von Zulieferern entfiel somit fast vollständig und es oblag Cayette als leitendem Künstler selbst, Design und Ausführung zu leiten, unabhängig davon, ob sich es um Möbel, Glas oder Metall handelte.

Ab Mitte der 1920er Jahre erfolgte eine große stilistische Veränderung in sehr kurzer Zeit: Cayette tauschte den Jugendstil gegen das in Mode kommende Art Déco aus und wurde damit zum Pionier des Art Déco in Nancy. Er wurde der private Innenausstatter sehr vermögender Privatpersonen und entwarf die komplette Innenausstattung mehrerer Villen. Der Wandel von dem floral-organischen Jugendstil zum von klaren, geraden Linien geprägten Art Déco gelang dem künstlerisch vielseitigen Cayette mit großer Leichtigkeit.

cayette vase grashuepfer klDie Weltwirtschaftskrise, ausgelöst durch den Börsencrash von 1929, und die anschließende Rezession der 1930er Jahre trafen ihn jedoch hart. Auch privat erlitt er einen schweren Rückschlag: Seine Frau verstarb 1934. Zwar fand er schnell eine neue Partnerin und wird Vater (die vorhergehende Ehe blieb kinderlos), doch musste seine Manufaktur Konkurs anmelden und wurde aus dem Branchenbuch von Nancy gestrichen.

Ab 1941 bis zu seinem Tod am 2. Januar 1953 gelang es Jules Cayette jedoch, wieder Fuß zu fassen. Mit der Hilfe einiger ehemaliger Mitarbeiter konnte Cayette eine neue, kleinere Manufaktur in der Rue du Maréchal Oudinot etablieren. Seinen Fokus legte er hierbei auf kleine dekorative Glaskunst und sein über den Zweiten Weltkrieg erhalten gebliebener, exzellenter Ruf sorgte dafür, dass seine Werke schnell wieder Käufer fanden. Auch bei Kunstkritikern gelten seine späten Glaswerke als herausragend.

Über die vielfach in situ vorhandenen Werke Cayettes hinaus finden sich mehrere Objekte, insbesondere Glaskunst, in renommierten Kunstmuseen weltweit, so z.B. dem Musée de l'École de Nancy, dem Musée des Beaux-Arts de Nancy, dem Musée d'Orsay in Paris, dem Kestner Museum in Hannover und dem Kunstmuseum Düsseldorf.

 

- Jens J. Reinke, M.A., Kunsthistoriker bei Antik Hense -

 

Das Jules Cayette-Ensemble aus dem Angebot von Antik Hense ist zwischenzeitlich verkauft worden. Weitere Möbel des Jugendstil finden Sie hier.

 

Literatur:

  • Alastair Duncan: Art Déco Complete. New York: Abrams, 2009
  • Étienne Martin: Jules Cayette, 1882-1953, créateur d’art à Nancy. Metz: Éditions Serpenoise, 2011
  • Günther Meißner, K.G. Saur Verlag (Hrsg.): Allgemeines Künstlerlexikon. Die bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. München, Leipzig: K.G. Saur, 1996f. (Zugriff über die Online-Ausgabe von De Gruyter)