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portrait ruhlmann klEin Gedankenexperiment: Wäre das Frankreich der Goldenen 1920er Jahre eine Monarchie gewesen, wer wäre der ébéniste du roi, also der Königliche Hoftischlermeister, gewesen? Talente gab es viele, doch nur ein Möbeldesigner und Innenarchitekt schaffte es, was über 125 Jahre lang in Frankreich nicht vorgekommen ist: Einen äußerst eleganten, zeittypischen und gleichzeitig zeitlosen Stil zu gestalten – sein Name ist Jacques-Émile Ruhlmann.

Gerade weil sich Ruhlmann auf das Traditionelle zurückbesann – klare Formen, elegante Linien, keinen Kompromiss bei der Qualität – gelang es ihm, in den 1920ern Möbel zu entwerfen, die nahezu synonym für die Eleganz des Art Déco stehen.

Ruhlmanns Familie entstammte dem Elsass, seine Eltern betrieben ein Geschäft für Farben, Tapeten, Spiegel und Bilderrahmen in der Rue de Marché Saint-Honoré in Paris. Jacques-Émile wurde 1879 geboren, leistete seinen Militärdienst und begann dann, im elterlichen Geschäft zu arbeiten. Zunächst assistierte er seinen Eltern, begann aber recht schnell, sich um das Bestellwesen zu kümmern. Zudem besuchte er immer wieder andere Möbelgeschäfte.

Im Jahr 1907 heiratete er und 1910 folgte sein erfolgreiches Debut auf dem Salon d’Automne (Herbstsalon) mit mehreren Entwürfen für Tapeten. Auch 1911 stellte er wieder auf verschiedenen Salons aus, bis er 1912 mit seinem Geschäft in größere Räumlichkeiten in der Rue Maleville unweit des Gare Saint-Lazare umzog. Der Schwerpunkt des Geschäfts – Farben, Tapeten, Spiegel, Bilderrahmen – blieb zunächst unverändert, doch schuf sich Ruhlmann innerhalb der Geschäftsräumlichkeiten seinen eigenen Platz, um seine eigentliche Leidenschaft zu verfolgen: das Möbeldesign. Erste Modelle zeigte er auf dem Salon d’Automne 1913.
Sein eigentlicher Durchbruch und seine endgültige Hinwendung zum klaren Design des Art Déco erfolgten bereits im Jahr 1916 mit einem Eckschrank aus Ebenholz, der von Kunstkritikern gefeiert wurde.

Ab 1919 ging Ruhlmann eine Partnerschaft mit einem Freund der Familie ein: Pierre Laurent war Experte für Gemälde. Zusammen gründeten sie die Firma Les Établissements Ruhlmann et Laurent und zogen bald in größere Räumlichkeiten in einem neu gebauten Industriegebäude um (Anschrift: 14 Rue d’Ouessant; 15. Pariser Arrondissement). Aus der Möbelmanufaktur im dritten Stockwerk des Gebäudes wurde bald ein immer größer werdendes Unternehmen, das mehr und mehr Mitarbeiter beschäftigte und schlussendlich den gesamten Gebäudekomplex einnahm. Zu den neuen Mitarbeitern in dieser Zeit zählt unter anderen André Fréchet (1875-1973), der seinerseits zu den wichtigsten Künstlern des Art Déco zählt, und ein gefeierter Möbeldesigner und Kunstprofessor war.art deco schreibtisch kl

Spätestens ab 1920 war Ruhlmanns Ruf und Reputation etabliert – und er weit über die Grenzen Frankreichs hinaus berühmt und gefeiert. Während seiner Karriere ließ er seiner Karriere ließ Ruhlmann seine Entwürfe von anderen Kunsttischlern wie Haentges Frères & Fenot und ab 1927 in seiner eigenen Werkstatt produzieren.

Kennzeichen aller ausgeführten Möbel ist die Verwendung von edelsten, schwer zu beschaffenden und teuren Materialien. Ruhlmann ließ seine Möbel unter anderem in Palisander, malaysischem Amboyna, Ebenholz, kubanischem Mahagoni und Amaranth (auch Violettholz genannt) ausführen. Einlagen wurden in Elfenbein, Schildpatt oder Horn hergestellt. Hinzu kamen Auflagen und Oberflächen aus Leder, Pergament oder sogar Rochenleder. Einzelne Möbel wurden in Spezialwerkstätten mit einem Klarlack versehen.

Einem ausgesuchten Fachpublikum war Ruhlmann zwar schon seit einigen Jahren ein Begriff, zum unangefochtenen Star des Art Déco und einer öffentlichen Person, die in ganz Frankreich als eine Art nationales Aushängeschild gefeiert wurde, ist Ruhlmann erst mit der Exposition Internationale im Jahr 1925 geworden: Viele tausend Besucher strömten durch ein Haus, das den Titel „Residenz für einen wohlhabenden Sammler“ trug, was angesichts der schieren Prachtentfaltung ein echtes Understatement war.

Ruhlmanns letzte Lebensphase von seinem Weltruhm ab 1925 bis zu seinem Tod 1933 ist von einer weltumspannenden Internationalität gekennzeichnet: Seine Entwürfe wurden in Mailand, Madrid, New York, Athen und Barcelona gezeigt, hinzu kamen mindesten zwei Ausstellungen pro Jahr in Paris.

Interessant an seiner Karriere ist, dass Ruhlmann nie eine formelle Ausbildung zum Tischler erhalten hat. Er eignete sich die Fähigkeiten der Tischlerkunst nur insofern an, als es ihm wichtig war, sinnvolle und realisierbare Entwürfe zu gestalten, die er dann von anderen Kunsttischlern ausführen ließ. Er gilt somit, ganz in der heutigen Bedeutung des Wortes zu verstehen, vielmehr als ein Designer, der Entwürfe lieferte. Hinzu kam eine enge Kooperation mit mehr als einem Duzend weiterer französischer Möbeldesigner und Innenarchitekten. Jeder, der zur Zeit des Art Déco Rang und Namen hatte, kooperierte früher oder später mit Ruhlmann: Hierzu zählen André Fréchet, Pierre Patout, François Pompon, Francis Jourdain, Henri Rapin, Claudius Linossier und Jean Mayodon, um nur einige zu nennen.art deco anrichte kl

Zu den Meisterwerken von Jacques-Émile Ruhlmann, die zudem in einer Retrospektive 1934 – ein Jahr nach seinem Tod im Alter von nur 54 Jahren – gewürdigt wurden, zählen zweifelsohne seine Möbel für den Élysée-Palast, der Festsaal und der Verhandlungssaal der Pariser Handelskammer, der Teesalon des Passagierschiffes Île-de-France, Möbel für den Manik Bagh-Palast des indischen Maharadscha von Indore, sowie Privataufträge für Prominente, wie den Bildhauer Joseph Bernard, den Bankier und Kunstsammler David David-Weill, die Bankiersfamilie Rothschild und die Schauspielerin und Sängerin Jacqueline Francell.

Auf internationalen Ausstellungen und gegenüber anderen Designern und Kunden betonte Ruhlmann wiederholt, wie wichtig ihm die Verwendung von Maschinen zur Fertigung seiner Möbel war. Dieser offensiv vertretene Standpunkt für eine maschinelle Fertigung muss im Kontext der Zeit verstanden werden: Heutzutage ist die maschinelle Fertigung von Waren selbstverständlich und gilt keinesfalls mehr als Zeichen von Stil und Qualität – das Gegenteil ist der Fall: Handarbeit und handwerkliche Kunst erfahren gegenwärtig eine enorm gesteigerte Wertschätzung. Im Gegensatz dazu war es in den 1920er Jahren ein Zeichen von Modernität und Fortschritt, je mehr maschinell gestaltet wurde. Die zunehmende Technisierung und Automatisierung von Fertigungsprozessen und eine sich beschleunigende Welt wurden als Zeichen des Fortschritts begrüßt. Nicht zuletzt deswegen ist das Zeitalter des Art Déco wie keine zweite Epoche in der Möbelgestaltung offen für eine technische Formensprache: Einrichtungsgegenstände wurden wie Automobile, Flugzeuge oder Ozeanriesen gestaltet oder spielten auf diese an.

Ruhlmann bewies bis zum Ende seines Schaffens ein feines Gespür für Geschmack und Stil: Ein Kennzeichen all seiner Möbel ist die großflächige Verwendung von edlem Furnier und der zurückhaltende Einsatz von Ornamenten oder Intarsien. Mit dem Wandel des Geschmacks in den 1930er Jahren gelang es Ruhlmann mühelos, Metall als Werkstoff für Möbeloberflächen oder Ornamente einzubeziehen.
Bis zum heutigen Tage werden die Möbel von Jacques-Émile Ruhlmann zu Höchstpreisen auf internationalen Kunstauktionen gehandelt.

 

Kunsthistoriker Jens J. Reinke, M.A.

 

Weiterführende Literatur:

  • Alastair Duncan: Art Déco Complete. New York: Abrams, 2009
  • Pierre Kjellberg: Art Déco. Les Maitres du Mobilier. Le Décor des Paquebots. Paris: Les Éditions de l’Amateur, 2011
  • Emmanuel Bréon: Jacques-Émile Ruhlmann: Genie des Art déco. Paris: editons flammarion, 2004

 

Jacques-Émile Ruhlmann zugeschriebene Möbel auf Antik-Hense.de:
Art Déco-Anrichte DL-AR801
Art Déco-Schreibtisch STS803