Gemäldezyklus von Friedrich Mißfeld (1874-1969), geschaffen 1911 für ein Kieler Wohnhaus
Die Zeitabschnitte eines Jahres haben auf das Leben des Menschen einen vielfältigen Einfluss und ihre ständige Wiederkehr wurde zum Symbol der Zeit, aber ebenso auch zur Vergänglichkeit und dem Kreislauf von Werden und Vergehen. In einem weitaus stärkeren Maße, als es heute der Fall ist, bestimmten der Wechsel der Jahreszeiten das Leben der Menschen und deren Umfeld. Der gesamte Lebensrhythmus, insbesondere der bäuerlichen Bevölkerung, war durch die Jahreszeiten und ihren besonderen Witterungserscheinungen beeinflusst.

Diese so lebenswichtigen und bedeutungsvollen Zeiträume des Jahres fanden Eingang in alle Bereiche der Bildenden Kunst, ebenso der Musik, wie z.B. „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi.
Schon in der frühen hellenistischen und römischen Kunst finden sich die Darstellungen der vier Jahreszeiten durch die Verkörperung antiker Götter oder in Form von allegorischen Personen, wie Flora, Ceres, Pomona und Vestes. In den folgenden Kunstepochen treten die Gestaltungen von Menschen mit den unterschiedlichen Attributen in den Vordergrund und so wurde auf die Natur und insbesondere auf die landwirtschaftlichen Tätigkeiten der jeweiligen Jahreszeit hingewiesen.
Hieraus entwickelten sich die genrehaften Landschaftsszenen in den vier Jahreszeiten, wie zum Beispiel bei dem holländischen Maler Pieter Breugel d. Ä. Oftmals werden die vier Jahreszeiten auch mit den Lebensaltersstufen gleichgesetzt, um auf das Werden und Vergehen hinzuweisen, vielfach auch mit den Tierkreiszeichen für die Jahreszeit versehen. Für die einzelnen Jahreszeiten bildete sich eine Ikonographie heraus, welche in verschiedenen Abwandlungen die einzelnen Jahreszeiten verdeutlichen.
Frühling:
Blumen , junge Tiere, Kind mit Blumengirlanden oder Frau bzw. Jüngling mit Blumenkranz oder neben Blumen stehend
Sommer:
Garbenbündel, Sichel, Kind oder Frau mit Korngarben in den Händen oder mit Kornähren bekränzt
Herbst:
Rebe, Weinlaub, Füllhorn mit Früchten
Kind oder Frau mit Weintrauben oder Korb voller Obst oder beim Keltern der Weinbeeren
Winter:
Feuer, Schnee, totes Geflügel,
ein in Mantel gehülltes Kind, Frau oder Mann mit weißen Raureif bedeckten Haar, mit Bäumen ohne Laub
In der Moderne, wo der Mensch durch die technischen Möglichkeiten in seinem Lebens- und Produktionsrhythmus weitestgehend vom Einfluss der Jahreszeiten abgekoppelt ist, verweisen die Jahreszeitendarstellung vielfach nur noch auf das Symbol der Zeit und der damit verbundenen Vergänglichkeit des irdischen Lebens.
Das Thema der vier Jahreszeiten hatte der Maler Friedrich Mißfeld 1911 aufgegriffen, um für ein bürgerliches Wohnhaus in Kiel diese Abfolge zu schaffen, wobei er die überlieferte Ikonographie dieser Allegorie in vielen Aspekten übernommen und eingehalten hat. Die ursprüngliche Anordnung der vier äußerst repräsentativen Gemälde in dem dafür vorgesehenen Raum lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Allgemein ist die Abfolge: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Bei der Betrachtung der vorliegenden Gemälde wäre auch eine andere Aufeinanderfolge möglich: Würde das Winterbild an erster Stelle der Reihe stehen, so hätten alle Frauenfiguren einen Blickkontakt zueinander, eine Möglichkeit, welche bei einer zukünftigen Anbringung überlegen sollte, da sie wahrscheinlich in der Absicht des Malers gewesen ist.
In jüngster Zeit gibt es kaum noch geschlossene, zyklische Wiedergaben der vier Jahreszeiten, allein Max Pechstein schuf 1929 vier Glasfenster für ein Berliner Hallenbad mit dieser Darstellung. Aus diesem Grund stellen die vier Gemälde von Friedrich Mißfeld, welcher in vielen norddeutschen Museen gut vertreten ist, eine große Besonderheit dar.
Text:
Dr. Bernd Bünsche, Diplomgemälderestaurator
Diese Gemälde mit weiteren Fotos im Katalog von Antik-Hense.de


